Blogwichteln 2014: Lebensfäden

ein Beitrag von Pia Ziefle über das Schreiben von Romanen.

„Du hattest mich gefragt, wie das geht, Romane zu schreiben, und ich versuche, dir darauf eine möglichst spontane Antwort zu geben. Und bin selber überrascht, dass meine Großmutter darin vorkommen wird. „

Lebensfäden sind es, die mich interessieren.

Das können dahingeworfene winzige Szenen in einem Zeitungsartikel sein, vielleicht nur eine Randbemerkung in einer Meldung, die eigentlich um etwas anderes geht, meinetwegen um jemanden, der 20 Katzen in seinem Haus hält, und dann sind sie schon da, die Fragen. Warum macht jemand das? Und ist es richtig von „halten“ zu sprechen und von „machen“?

Geschehen manche Dinge nicht einfach?

Haben wir alles, was in unserem Leben geschehen ist, entschieden? Haben wir es in der Hand oder nicht? Und wenn nicht, ab welchem Punkt nicht mehr?

Im Falle einer solchen Katzennotiz stelle ich mir vor, wie so ein Mensch wohl lebt. Ist er allein, verwitwet, getrennt? Gibt es Kinder, Angehörige? Wenn nein, warum nicht? Gibt es Erkrankungen, Alkohol, Drogen? Und warum das?

Immer frage ich mich, wie jemand als Kind gewesen ist, und was geschehen sein muss, damit ein Leben eine solche Wendung nimmt. Rückwärts betrachtet sehen viele Dinge folgerichtig aus, aber in die Zukunft gesehen?

Wäre nichts schiefgegangen bei der Katzensache, würde nichts davon in der Zeitung stehen, dann wäre es keine Meldung, also ist etwas passiert, vielleicht ist es jemandem über den Kopf gewachsen, oder das 20+x-Katzenhaben ist an sich doch ein Symptom?

Und so fange ich an zu graben, frage mich durch, lese Bücher nach, fange an, ähnliche Geschichten zu sammeln oder spezielle Worte und Bezeichnungen, die andere für einen Menschen verwenden. Ich bin auf dem Dorf groß geworden, da war es keine Seltenheit, dass die Leute nicht wussten, von wem die Rede war, wenn ich, des dortigen Dialektes zunächst nicht mächtig, den gedruckten Namen eines Kindes nannte, den ich aus der Klassenliste wusste. Da gehen Eigenschaften von Vätern auf die Söhne über, Kinder sind Besitz, sind verwoben mit der Familiengeschichte auf dem Hof, selbst dann noch, wenn sie den Hof nicht übernehmen sondern irgendwohin „in die Stadt“ gehen.

Und hat nicht die moderne Psychologie herausgefunden, dass sich nachweisen lässt, dieses Mal wissenschaftlich, dass es sich mit der Weitergabe von Traumata und Lebensaufgaben von einer Generation zur nächsten ganz ähnlich verhält wie mit der Weitergabe der Namen?

Doch, so ist es, und weil das immer dort am Besten geschehen kann, wo geschwiegen wird, grabe ich nach den Geschichten, die nicht erzählt werden. Und stelle fest, dass sie einander ähneln. Sehr ähneln.

Das sind keine Wahnsinnsereignisse wie in Game of Thrones, wo Geschwister Eltern werden, und nicht nur das, die Geschwister sind dann auch noch Zwillinge, aber in der Sprengwirkung sind sie ähnlich, sonst würde man nicht schweigen über diese oder jene andere Vaterschaft, diese oder jene Motivation für eine Handlung.

Meine Großelterngeneration ist sehr weit weg von mir, eine meiner Großmütter wäre jetzt 113 Jahre alt fast, und ihr habe ich oft zugehört, wenn sie erzählt hat. Sie hatte zehn Geschwister, ihr Mann elf, oder umgekehrt, und während ich mir nicht einmal die Namen merken konnte, wusste sie nicht nur alles über die Werdegänge, sondern kannte auch noch jedes der Kinder und wusste, was die so machten. Eine Art von oral history, kann man sagen, dazu kam eine verschämte Leidenschaft für Königshausklatsch und natürlich ein ikonografischer Katholizismus. Einen reicheren Fundus kann man sich nicht vorstellen. Einmal im Jahr war diese Großmutter für ein paar Wochen bei uns und hatte all diese Menschen im Gepäck, die dann in meiner Phantasie unser an sich stilles Haus belebten.

Dies, und all die Bücher die ich gelesen habe als Kind, mehr aus Scheu vor allzuviel Menschen auf einem Fleck denn aus literarischem Interesse, mag dazu beigetragen haben, dass ich im Erzählen, auch im eigenen, immer „in“ den Menschen bin, von denen die Rede ist, was leicht zu Komplikationen führt im Sozialleben, aber hervorragend geeignet ist, um zu schreiben.

Und das andere, das mich beschäftigt, ist die Suche nach Wahrheit, oder einem Zugang dazu. „Wahrheit“ kann ein schweres Gewicht sein, oder eine Erleichterung. Ja nach dem, ob sie als etwas Absolutes betrachtet wird, oder ob wir es schaffen, mit ihrer Felxibilität und Individualität leben zu lernen.

Mir sind Bücher und sehr sehr viel später auch Filme zu Vorlagen für Lebenssituationen geworden und für Lösungen, sie waren mir als Kind schon weit zugänglicher als meine Mitmenschen oder meine Umwelt, oder „das Leben“, denn die waren abgeschlossen und umfassten Zeiträume von Monaten oder Jahren, ich konnte innerhalb von Stunden ganze Leben nachleben, mitleben und fand Möglichkeiten für Problemlösungen. „Was würdest du tun, wenn diese deine Lebenssituation eine Szene in einem Buch wäre?“ war lang mein Schlüssel für Lebensentscheidungen.

Im Wissen darum ist mir Wahrheit, oder noch besser, Wahrhaftigkeit meiner Erzählung und meiner Figuren sehr wichtig geworden.

Möglicherweise habe ich dir nicht erklären können, wie Romane gehen, ich fürchte, das war doch noch alles unzulänglich und zu wenig durchdacht, aber es gibt vielleicht einen winzig kleinen Anfang einer Vorstellung, wie ich meine Arbeit verstehe. Ich danke dir für den Platz, den du mir gegeben hast in deinem Blog, und ich danke dir noch mehr für deine Geduld, du musstest nämlich sehr lange warten auf diesen Beitrag, wesentlich länger als beabsichtigt, aber wenigstens nicht für immer :))

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